Der Studiengang Psychologie (Diplom) an der Universität Bremen
Erste Hürde – die ZVS
Zunächst einmal muss für den Studiengang Psychologie bundesweit die Hürde der ZVS
(Zentrale für die Vergabe von Studienplätzen) überwunden werden. Hierzu ist ein "gutes" Abitur mit 2,0
oder besser zu empfehlen, wenn man nicht besondere Härtefälle geltend machen kann. Das Studium geht über 10 Semester, davon 4 Semester Grundstudium,
4 Hauptstudium und je ein Semester für Praktikum und Diplomarbeit.
Grund- und Hauptstudium
Für die Fächerauswahl in Grund- und Hauptstudium kann ich nur für Bremen sprechen, da sie besonders
im Hauptstudium an den unterschiedlichen Universitäten sehr verschieden ausfällt. Im Grundstudium wird
zunächst ein grober Überblick über den Gegenstands- und Anwendungsbereich der Psychologie vermittelt. Folgende
Hauptfächer werden gelehrt: Allgemeine Psychologie 1 (Wahrnehmung und Denken), Allgemeine Psychologie 2 (Lernen,
Emotion und Motivation), Sozialpsychologie, Biopsychologie, Entwicklungspsychologie, Differentielle (Persönlichkeits-)
Psychologie und Methodenlehre. Außer diesen 7 Fachprüfungen (mündlich und je halbstündig) müssen noch eine Reihe kleinerer
Leistungen zum Erwerb des Vordiploms erbracht werden, wie z.B. die gefürchteten Quantitativen Methoden 1 und 2 (Statistik).
Den Schwerpunkt, den die Universitäten auf diesen Bereich legen ist bundesweit sehr verschieden. In Bremen sind
die Anforderungen hierfür nicht allzu hoch, allerdings sollte man in Grundzügen die wichtigsten mathematischen Regeln
verstanden haben, wie z.B. Geradengleichung, Prozentrechnung etc. Außerdem muss in Bremen schon während des Grundstudiums
ein 4-wöchiges Praktikum abgehalten werden.
Im Hauptstudium ist in Bremen momentan vieles im Umbruch, einige Professoren emeritieren und es ist noch nicht gesichert, ob
und wann ihre Stellen wieder besetzt werden. Von diesem Abbau der Lehrstellen aus finanziellen Gründen sind sicherlich auch
andere deutsche Universitäten betroffen. Deshalb kann meine Beschreibung nur eine Aufnahme des Ist-Zustands sein, aber keine
Garantie für das zukünftige Lehrangebot geben. Mit 5 wählbaren Schwerpunktfächern bietet Bremen eines der umfangreichsten
Lehrangebote Deutschlands, hier können neben der Klinischen, Pädagogischen und Arbeits- und Organisationspsychologie, auch
die seltene Rechtspsychologie und Neuropsychologie studiert werden. Zwei dieser aufgezählten Fächer werden jeweils als
Schwerpunkt im Projekt studiert, ein dritter Schwerpunkt im Seminar. Neben diesen drei Fächern werden für das Diplom
weitere Fachprüfungen in der Psychologischen Diagnostik und Intervention, Evaluations- und Forschungsmethodik, einem
forschungsorientierten Vertiefungsfach und einem nichtpsychologischen Nebenfach (ein beliebiges Fach deiner Wahl) abgelegt.
Außerdem muss, wie schon erwähnt, ein Halbjahrespraktikum absolviert werden.
Zu den uni-spezifischen Schwerpunkten: Aus persönlichen Gründen hatte ich in Erwägung gezogen die Uni zu wechseln und
bin auf das Problem gestoßen, mir Informationen der Unis zu verschaffen. Einen ersten Überblick hierzu bietet Inge
Lindner in ihrem "Studienführer Psychologie", der nun allerdings auch schon ein paar Jahre alt ist, sodass sich das
ein oder andere geändert haben kann. In dem großen, undurchsichtigen Uni-Apparat wurde ich am Telefon nur von einer
Instanz zur nächsten weitervermittelt und blieb letztendlich auf meinen Fragen sitzen. Am besten ist es, sich vor Ort
persönlich bei den Fachschaften zu erkundigen, sowie in Veranstaltungen zu gehen und mit den Studierenden selber zu sprechen.
Dies erfordert allerdings eine Menge Zeit und evtl. auch Geld.
Zum Studium
Die oben genannten Angaben sind die formalen Anforderungen bis zum Diplom. In Bremen wird im Allgemeinen viel
Wert auf das "Wort" gelegt. Deshalb sind die Fachprüfungen fast ausschließlich mündlich (dies kann sich evtl. bald im
Rahmen der Umstellung auf Bachelor/Master ändern, aber dazu kann ich jetzt noch nichts Genaues sagen) und pro Semester
halte ich in der Regel 2-3 Referate. Dies hat den Vorteil, dass man mit der Zeit die Angst verliert, vor einer größeren Gruppe
zu sprechen und sicherer in der Präsentation wird. Außerdem bringt dies eine gelockerte Arbeitsatmosphäre mit sich und man muss
nicht 5 Klausuren am Ende des Semesters auf einmal bewältigen. Ein Nachteil ist vielleicht, dass man sich während des Semesters
nicht den gesamten, sondern nur einen Teil des Stoffes aneignet und dies folglich später für die Prüfung nachholen muss. Den Arbeitsaufwand
würde ich als mittel bis hoch einstufen, wobei man dazu sagen muss, dass die Anforderungen der Lehrenden stark variieren. Besonders im
Hauptstudium wird vorausgesetzt, dass das Lesen und Verstehen von englischer Fachliteratur keine Probleme bereitet.
Besonderheiten
(auf die man evtl. bei der Wahl der Uni auch achten sollte)
In Bremen steht internationaler Austausch hoch im Kurs. Für alle die gerne ein Semester im europäischen Ausland
studieren möchten, ist dies mit dem Erasmus-Programm kein Problem und wird von der Bremer Uni und den Partner-Unis
sehr unterstützt. Aber auch in Australien oder Kanada kann man als Austauschstudent studieren, dies erfordert allerdings
mehr Eigeninitiative. Für den Auslandsaufenthalt bietet sich das 5. Semester am besten an. Ich habe selbst ein Semester in
Valencia in Spanien studiert und kann dies nur weiterempfehlen.
Des Weiteren gehört Bremen zu den wenigen deutschen Unis, die noch die Psychoanalyse in ihrem Lehrplan zur
Verfügung stellen. Wie lange dies hier aus personellen Gründen allerdings noch möglich ist, bleibt abzuwarten. Da
von den Naturwissenschaftlern die Psychoanalyse als "unwissenschaftlich" eingestuft wurde, muss sie zunehmend der
"richtigen" Lehre weichen. Dies birgt die Gefahr, dass wichtige Erkenntnisse verloren gehen. Heute nähern sich einige
Wissenschaftler, z.B. im neuen Bereich der Neuropsychoanalyse, der Lehre Freuds wieder an.
Persönliche Motive für die Wahl des Studienganges
Ich habe mir das Psychologiestudium aus Interesse am Menschen ausgesucht. Zuerst wollte ich Medizin studieren,
habe aber bei einem Praktikum schnell gemerkt, dass mir die Nummer etwas zu "blutig" ist und bin dann auf Psychologie
gekommen, um mich zwar mit dem Menschen, aber "nur von außen", beschäftigen zu können. Während des Grundstudiums hat mich
die recht starke naturwissenschaftliche Ausrichtung des Studiums überrascht und begeistert. Wer also Spaß am Experimentieren
hat, aber sich nicht für die pure Biologie, Chemie oder Physik begeistern kann, ist hier richtig aufgehoben. Gleichzeitig
lernt man natürlich auch schnell die Grenzen dieses Experimentierens (u.a. am Menschen) kennen.
Nicht nur Klinik oder Couch
Die Arbeitsmöglichkeiten eines Psychologen sind vielfältig. Neben klinischen Tätigkeiten in Reha-Einrichtungen,
Kurkliniken und Krankenhäusern, gibt es auch Schulpsychologen, Verkehrspsychologen, Rechtspsychologen, die z.B.
Gerichtsgutachten für Angeklagte erstellen, Neuropsychologen und Wirtschaftspsychologen. Diese sind vor allem in
Personalabteilungen großer Unternehmen zu finden oder freiberuflich im sog. Assessment-Center tätig. Sie beschäftigen
sich vor allem mit der Personalauswahl und führen Tests mit Bewerbern durch. Daneben können sie noch als Coach arbeiten.
Zur näheren Beschreibung des Berufsfelds empfehle ich die "Blätter zur Berufskunde", die man beim Arbeitsamt bestellen kann.
Bewerbung um einen Studienplatz
Die Studienplätze für ein Psychologiestudium (Abschluss Diplom) werden über das klassische ZVS-Verfahren vergeben.
Ihr müsste euch also direkt bei der ZVS bewerben. Mehr Infos zum Ablauf des klassischen ZVS-Vergabesystem findet ihr
hier auf der Seite im Text über die ZVS. Die Studienplätze für einen Studienplatz mit einem Bachelor-Abschluss an den Unis Darmstadt, Erlangen-Nürnberg, Koblenz-Landau,
Mainz, Regensburg und Würzburg werden über das Serviceverfahren der ZVS vergeben.
Mehr Infos zum Ablauf des Serviceverfahrens findet ihr auch hier im ZVS-Text.
Welche Uni ist für mich die Beste???
Wer überhaupt wegen des hohen NCs die Qual der Wahl hat, dem empfehle ich meine o.g. Tipps
zur Informationsbeschaffung oder einfach den Ort zu wählen, den man persönlich (wegen Freunden,
Familie etc.) vorzieht. Grundsätzlich hat wohl jede Uni ihre Vor- und Nachteile. Außerdem bietet jede
Uni sicherlich einen soliden Grundstock und was darüber hinaus gelernt wird, ist meiner Ansicht nach
ohnehin vom eigenen Engagement abhängig. :-)) Das Diplom ist jedoch von allen Unis gleichwertig. Einige
Universitäten bieten auch die Möglichkeit von Zusatzausbildungen nach dem Diplom wie z.B. die Ausbildung
zum Psychologischen Psychotherapeuten oder Doktoranden-Kolloquien (Infos hierzu ebenfalls im "Studienführer
Psychologie" von Inge Lindner).