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Der Präparierkurs - Studiengang Medizin

„Du studierst Medizin? Uuuh, dann musst du doch auch an Leichen rumschnippeln, oder?“ Nicht nur Nichtmedizinern läuft ein leichter Schauer über den Rücken, beim Gedanken an den Präparierkurs, diesen Bestandteil des Studiums, der einen mit Faszination und Entsetzen zugleich erfüllt.

Doch ist er wirklich so gruselig oder gar ekelig wie viele glauben? Ist die Angst vor dieser Herausforderung tatsächlich ein Grund, auf das Medizinstudium zu verzichten? Eines kann man mit Gewissheit sagen: Filme wie „Anatomie“, in denen Medizinstudenten frische, und teilweise auf mysteriöse Weise, Verstorbene sezieren, haben mit der Realität nicht viel zu tun. Die „Präparate“, wie die Leichen korrekterweise genannt werden, haben zu Lebzeiten bei vollem Bewusstsein und nach entsprechender Aufklärung zugestimmt, ihren Körper nach ihrem Tod der Wissenschaft, in diesem Fall zum Zwecke der Ausbildung junger angehender Ärzte, zu spenden. Da sie außerdem eines natürlichen Todes gestorben sein müssen, handelt es sich hierbei normalerweise um ältere Menschen.

Bevor sie überhaupt bereit für die Präparation sind, vergehen normalerweise zwischen ein und zwei Jahren, in denen sie konserviert und mit Formaldehyd behandelt werden. Immerhin muss ein solcher Körper zumindest ein Semester lang der Verwesung trotzen können.
Doch egal, wie viel über diesen Kurs geredet, wie viel beruhigt und ermutigt wird: es ist ein besonderer
Moment, das erste Mal vor dem Präparat zu stehen.

In der ersten Stunde versammeln wir uns alle im „Präpsaal“, je acht Studenten in hübschen weißen Kitteln plus Tisch-HiWi um eine Leiche herum.
Es riecht nach Konservierungsmitteln, wir fühlen uns leicht benebelt von den Alkoholdämpfen.
Die Leichen sind noch in feuchte Laken eingewickelt und liegen auf kühlen Metalltischen, wie man sie tatsächlich aus diversen Krimis kennt. Sie liegen auf dem Bauch und man kann unschwer ihre Umrisse ausmachen: Füße, Beine, Rumpf, Kopf. Es herrscht eine mulmige Stimmung, keiner weiß so recht, wie er sich verhalten soll: darf man lachen? Sich normal unterhalten? Oder ist es doch eher angebracht, ehrfürchtig zu schweigen? Wie wird das Präparat aussehen, das einen die nächsten drei Monate begleiten soll? Wie ist es wohl, zum ersten Mal in Haut zu schneiden?

Wer glaubt, diesem ersten Schritt gingen viele kleine voraus, die uns Stück für Stück an diese Aufgabe heranführen sollen, der irrt: als der HiWi erstmal an unserem Tisch angekommen ist, geht alles ziemlich schnell: Präparat abdecken, Präpbesteck raus, um den Tisch herum versammeln, Handschuhe an und los geht’s.
Wenigstens dürfen wir zunächst nur ein wenig die Oberfläche des Rückens abtasten: tastbare Knochenpunkte werden gesucht und benannt.
Die Haut ist grün-gräulich verfärbt und fühlt sich lederig an. Unheimlich ist das nicht direkt, es ist merkwürdig, ja, aber beinahe bin ich dem langen Konservierungsprozess dankbar dafür, dass er das Äußere des Körpers so verfremdet hat: es erscheint uns leichter, Abstand zu gewinnen zu dem Gedanken daran, dass hier ein Mensch vor uns liegt. Einer wie wir, der gelebt, gelacht, geweint hat, der gelitten und genossen hat, der Ängste und Träume hatte.

Und dann schreiten wir schon zu Schritt 2: Hautschnitte. Zaghaft nähert sich jeder dem ihm zugeteilten Körperteil. Vorsichtshalber noch einen weiteren Blick ins Skript, man vergewissert sich, das Skalpell richtig angesetzt zu haben, noch ein Blick, kurz zum Nachbarn hinüberschauen, der wiederum selbst unsicher umherblickt. Man wartet darauf, dass der Erste Mut beweist und den ersten Schnitt setzt. Und da: die Ersten wagen es. Also los, Augen wieder auf das eigene „Operationsgebiet“, ein weiterer, letzter Blick in die Skriptbeschreibung und… schneiden.

Es geht leichter als gedacht, die Spiegelneuronen halten sich zurück (tatsächlich fürchtet man fast ein wenig, den Schmerz bei sich selbst zu fühlen…) und die Hürde ist genommen. Stück für Stück fällt die Nervosität ab, die Unsicherheit verschwindet, die Faszination nimmt zu.
Man erkundet Hautschicht um Hautschicht, dringt tiefer vor, gelangt bei den Muskeln an, stößt auf Nerven und Arterien, dort eine Vene – keine Frage, es ist beeindruckend! Wir zerschneiden und erforschen den Körper eines Anderen und wissen doch, dass wir gleichzeitig auch unseren eigenen Körper kennenlernen.
Es ist merkwürdig und berauschend zugleich, es ist das erste Mal, dass unser Studium uns absoluten, buchstäblichen „Einblick“ in den menschlichen Körper ermöglicht. Kein noch so guter Anatomieatlas kann darstellen, was ein einziger Kurstag offenlegt.

Und der Tag geht fast schneller herum, als uns lieb ist. Zwar setzen die Dämpfe einem doch mit der Zeit ein wenig zu, aber die Neugier ist stärker, noch sind nicht alle Strukturen gefunden, die man sich für diesen Tag vorgenommen hat und gerne würde man noch ein wenig weiterpräparieren. Das allerdings muss nun auf den nächsten Kurstermin verschoben werden.
Die Kittel sind nicht mehr hübsch und weiß, sie sind mit Leichenfett und Konservierungsmitteln getränkt und dürften selbst für eine Halloweenparty zu abstoßend sein, zumal auch sie mittlerweile einen sehr strengen Geruch verbreiten.

Doch wir sind schließlich angehende Wissenschaftler, zukünftige Ärzte, wir wollen forschen und lernen und sind uns zu nichts zu schade.
Kaum ist die Unsicherheit verflogen, fühlt man sich schon fast wieder wie ein kleiner Halbgott in Weiß, selbst, wenn der noch lange nicht aus den Windeln herausgekommen ist: jede noch so kleine Erfahrung zählt und bringt uns weiter.

Und das hier war nicht nur eine kleine Erfahrung, darin sind wir uns alle einig: es war eine enorme Bereicherung und ein wenig stolz und zufrieden legen wir unsere Kittel ab Wir verlassen den Präpsaal und ziehen aus, hinaus auf den Campus, blicken den Lehramtsstudenten und Rechtswissenschaftlern, den Sportlern, Musikern und Soziologen hinterher und fühlen uns ein bisschen wie Erleuchtete in der Welt der Unwissenden.

Der Präparierkurs ist weder ekelig noch unheimlich. Nichts an einem menschlichen Körper ist gruselig, es ist schlichtweg das Unbekannte, das uns Angst macht. Und vor allem der, für viele erste Kontakt mit dem Tod. Doch das darf nicht abschrecken. Angst ist hier fehl am Platz, ganz im Gegensatz zu Ehrfurcht.
Denn egal, wie spannend und interessant die Präparation und Erkundung des Körpers auf dem Tisch vor uns auch sein mag, wir dürfen niemals vergessen: wir arbeiten an einem menschlichen Körper. An einem Körper, dessen Besitzer ihn uns anvertraut hat, wofür wir ihm Dank schulden und er unseren vollsten Respekt verdient. Und darum hat eines immer absoluten Vorrang: die würdevolle Behandlung dieses Körpers, vom ersten Blick über den ersten Schnitt bis zum letzten Kurstag, auf den die Bestattung und eine Gedenkfeier folgen, zu Ehren der Spender, die uns mit ihrer Entscheidung eine unvergleichbare und einzigartige Form des Lernens ermöglicht haben.

Annika Hempelmann (11/2012)
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