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Themenrelevante Artikel: Studiengang Soziologie an der LMU Berufschancen mit dem Studiengang Soziologie

Wie „Geistis“ in Deutschland promovieren

Die Beweggründe

Die Zahl der Doktoranden/innen in Deutschland ist hoch, der Titel genießt einen guten Ruf. Welche Motivation steckt aber hinter einem Promotionswunsch?

Da ein Promotionsvorhaben sehr arbeitsaufwändig und zeitintensiv ist, sollte man vor Beginn gründlich seine eigenen Beweggründe prüfen. Die meisten Universitätsabsolventen arbeiten später schließlich nicht in der Wissenschaft, und nicht in allen Wirtschaftsbereichen ergeben sich somit automatisch bessere Karrierechancen. So gilt: Je wichtiger der Kundenkontakt oder die Produktvermarktung ist, desto unwichtiger ist der Doktortitel. Und: Ein sehr später Berufseinstieg lässt sich auch durch eine Promotion nicht rechtfertigen.

Gleichwohl sind überproportional viele Promovierte in Chefetagen zu finden. Die meisten Promovenden begründen ihre Entscheidung zur Promotion nicht ausschließlich als Karriere-Sprungbrett, sondern als Zeit der persönlichen Weiterbildung und der eigenständigen Arbeit an einem interessanten Thema. Eine Promotion stellt eine Möglichkeit dar, ein eigenes Projekt ganz im Sinne lebenslanger Weiterbildung zu verfolgen, praktische Erfahrung in theoretisches Wissen umzusetzen und sich im interdisziplinären Austausch neue Berufsfelder zu erschließen, die ohne Promotion so nicht möglich wären.

Die Reflektion der eigenen Tätigkeit und die Einordnung in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext kann zu beglückenden
Aha-Erfahrungen führen und einer ethischen Werthaltung. Auf die Frage, was die mit einer Promotion verbundene Spezialisierung nützen soll, muss daher jeder eine individuelle Antwort finden.

Vor dem Start eines solchen Projekts sollte man außerdem seine persönlichen Lebensumstände berücksichtigen und Freunde und Familie mit einbeziehen, denn sie werden oft auf den zukünftigen Doktoranden verzichten und Rücksicht auf sein Projekt nehmen müssen.

Die Promotionswege

Es gibt viele Promotionswege: traditionell mit wissenschaftlicher Betreuung durch Doktorvater/mutter oder in einem an den angelsächsischen Raum angelehnten strukturierten Programm z.B. in einem Graduiertenkolleg, Graduiertenschulen, in Promotionsstudiengängen oder den International Max Planck Research Schools.

Graduiertenkollegs sind befristete Einrichtungen der Hochschulen, in denen 10 bis 20 Doktoranden forschen. Sie werden durch die DFG, Hochschulen oder Stiftungen finanziert und sind interdisziplinär ausgerichtet.

Graduiertenschulen sind ähnlich organisiert, aber inhaltlich breiter und interdisziplinärer ausgerichtet. Strukturierte Programme führen in der Regel in einem festgelegten Zeitrahmen von 3 Jahren zum Erfolg und zum Titel, ermöglichen Austausch zwischen Disziplinen, und die Finanzierung ist meist auch geregelt.

Die traditionelle Promotion

Die traditionelle Promotion erfordert mehr Selbstorganisation und Durchhaltevermögen, ermöglicht aber speziell in den Geistes- und Sozialwissenschaften viel Freiheit bei der Themenwahl und Forschung.
Voraussetzung für eine Promotion ist ein in Deutschland anerkannter Hochschulabschluss – also im Allgemeinen ein Master oder Magister, Diplom oder Staatsexamen, in Ausnahmefällen auch ein Bachelor oder FH-Abschluss.
Auch die Wahl des Themas und des betreuenden Doktorvaters oder –mutter ist gut zu überlegen: erstens wird man sich schließlich mit dem Thema mehrere Jahre beschäftigen, zweitens ist für ein solches längerfristiges Projekt eine gute Arbeitsbeziehung zum Betreuer oder Betreuerin wichtig. Eine qualitativ hochwertige Betreuung ist durch kontinuierlichem gegenseitigen Austausch zwischen Doktorand und betreuendem Professor gekennzeichnet. Selbständiges kreatives Arbeiten mit der Fähigkeit, seine eigene Arbeit kritisch zu reflektieren gehören ebenso dazu wie Verbindlichkeit herzustellen. Das heißt: unbedingt an Absprachen und deadlines halten!

Das Exposé

Zu einer guten Vorbereitung gehört auch die Ausarbeitung eines Exposés, in dem das Forschungsvorhaben skizziert und ein Zeitplan vorgelegt wird. Viele Universitäten bieten Schreibwerkstätten an, die Promotionsinteressierten offen stehen.
Danach kann die Annahme als Doktorand vom zuständigen Fachbereich oder Promotionsausschuss erfolgen und man kann sich als Promotionsstudent/in einschreiben (abhängig von den Promotionsordnungen der jeweiligen Fachbereiche). Ausländische Promotionsanwärter müssen durch einen DaF-Test ihre Deutschkenntnisse nachweisen.

Die Finanzierung einer Promotion

Finanzieren kann man die Promotion entweder durch ein Stipendium oder eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter, in Drittmittel-Projekten der Hochschulen oder Instituten oder Hochdeputatsstellen. Es gibt aber auch immer wieder herausragende Einzelpromotionen, die selbst finanziert sind.
Stiftungen bieten ihren Stipendiaten gute Vernetzungsmöglichkeiten und Qualifizierung. Nicht nur finanzielle Förderung ist möglich, auch eine ideelle Förderung oder die Teilnahme an einem guten Mentorenprogramm, dem man die Chance hat, Kontakte zu Menschen zu knüpfen, die dort tätig sind, wo man hinmöchte, sind hinreichende Gründe.
Wer ein Stipendium erhält, kann ein steuerfreies Einkommen bis ca. 1200 Euro erhalten – wer Kinder hat, auch mehr. In der Kranken- und Pflegeversicherung kann man gesetzlich oder privat versichert sein, für die Rentenversicherung muss man privat Vorsorge treffen, unfallversichert ist man durch die Immatrikulation.
Kriterien für eine Förderung ist ein zügig durchgeführtes Studium – wenn möglich Regelstudienzeit – mit überdurchschnittlichem Studienabschluss – das heißt alles besser als ‚befriedigend‘. Der Studienabschluss sollte erst vor kurzem erfolgt sein, ein Dissertationsprojekt mit gesellschaftlicher Relevanz und die Annahme als Doktorand sprechen ebenfalls für sich. Wer beabsichtigt, sich bei einer Partei, Kirche oder Gewerkschaft zu bewerben, muss nicht Mitglied sein, sollte sich aber mit den Zielen stark identifizieren können.

Der Promotionsprozess

Unterstützung im gesamten Promotionsprozess ist gefragt: Viele Unis bieten Schreibwerkstätten an, um Schreibblockaden abzubauen und die Besonderheit des eigenen Forschungsprojekts prägnant für die Veröffentlichung in der scientific community darstellen zu können. Bereits während der Promotionsphase wird immer stärker erwartet, dass der Doktorand erste eigene Beiträge in Fachzeitschriften veröffentlicht und/oder relevanten Kongressen und Tagungen teilnimmt.
Wer allein am Schreibtisch forscht, wird trotz aller wissenschaftlichen Brillanz keine Karriere erklimmen. In der scientific community gilt wie in Hollywood oder auf dem Catwalk: sehen und gesehen werden!
Neben einer starken intrinsischen Motivation ist natürlich auch die Freude am wissenschaftlichen Arbeiten notwendig – Daten sammeln, recherchieren, auswerten, Theorien bilden –um Phasen auszuhalten, in denen die Daten nicht zur Theorie passen und umgekehrt.
Intellektuelle Problemlöse- und Analysefähigkeiten und Spaß am Schreiben sollte man ebenfalls mitbringen, denn bis die Dissertation druckreif vorliegt, hat man viele Gedankengebäude entworfen und neu konstruiert und Berge von Papier beschrieben. Ebenfalls wichtig ist ein guter Umgang mit Zeit und genügend „Puffer“ einzuplanen, damit die Motivation nicht Ernüchterung und Enttäuschung oder gar Burn-out endet: Damit die Zeit nicht davonläuft, ist kontinuierliches Schreiben wichtig.
Mit der Inauguraldissertation legt der/die Doktorand/in den Beweis vor, dass er/sie wissenschaftlich und selbständig arbeiten kann. Zusätzlich ist eine mündliche Prüfung in Form eines Rigorosums oder der Disputation (erstere ist eine Überprüfung des Gewussten, letzteres die Diskussion, in der man seine Thesen verteidigen muss). Anschließend muss die Arbeit durch Druck der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Erst dann kann man den Doktorgrad erhalten.
Danach bietet sich der Einstieg in die wissenschaftliche Welt als Postdoc oder Juniorprofessor an. Aber auch außerhalb der Wissenschaft steht ein Doktortitel „made in germany“ für inhaltlichen Anspruch und engagierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen.

Literaturtipps:

  • Deutscher Akademischer Austauschdienst: Promovieren in Deutschland 2010. Societäts-Verlag Frankfurt Oktober 2009.
  • Ansgar Nünning/Roy Sommer (Hrsg.): Handbuch Promotion. Forschung - Förderung – Finanzierung. Verlag J.B. Metzler 2007.
  • Fiedler, Werner; Hebecker, Eike: Promovieren in Europa Verlag Barbara Budrich 2006.

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Tanja Schmidt (03/2012)
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