Navigation:
Du befindest dich hier:
› aktuelle Seite

Der Studiengang Komparatistik - Vergleichende Literaturwissenschaften

Ich studiere jetzt im zweiten Semester Komparatistik an der Uni Bonn. Das Fach ist selbst bei den meisten Studenten unbekannt und der Name löst allgemeines Wundern und Kopfschütteln aus. Als vielleicht zukünftige Komparatisten hättet ihr also ein Fach, mit dem ihr euch interessant machen könnt ;) . Oder aber ihr klärt den unwissenden Kopfschüttler wie folgt auf :

Komparatistik definiert sich in der Reinform als „Vergleichende Literaturwissenschaften“, also schon nicht mehr ganz so rätselhaft. Oder doch? Die Vergleichende Literaturwissenschaft stammt ursprünglich aus Frankreich, seit dem neunzehnten Jahrhunder verbreitete sich die "litterature comparee" von dort aus schnell in alle Welt.
Nun könnt ihr euren Gegenüber aber noch mit einigen anderen Kuriositäten verwirren: In Deutschland gibt es verschiedene Studiengänge, die mit der Komparatistik in Zusammenhang stehen
  • Komparatistik (Vergleichende Literaturwissenschaften)
  • Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften
Diese zwei unterscheiden sich von Universität zu Universität. Für gewöhnlich sollte es so sein, dass der Anteil der Allgemeinen Literaturwissenschaft ein Plus an Literaturtheorie bedeutet. So beschäftigt sich die Allgemeine Literaturwissenschaft unter anderem speziell mit Literaturästhetik, Epochenproblematik und Systematik, wissenschaftlich gesehen, also
theoretisch. Für einen etwaigen Wechsel der Hochschule bedeutet das.......was? Angenommen als Komparatist möchte man an eine Hochschule wechseln, die lediglich den kombinierten Studiengang anbietet, so liegt es meist im Ermessen der Uni, an die man wechseln möchte, in wie weit Scheine anerkannt werden oder beispielsweise Kenntnisse der Allgemeinen Literaturwissenschaft als fehlend bemängelt werden. Ganz schön schwierig also. Es soll auch Universitäten geben, die auf Namensgleichheit der Studiengänge wert legen. Im Falle eines angestrebten Hochschulwechsels ist der Studienfachberater an der bisherigen Uni für Anerkennungsfragen zuständig.

Soweit also grob der Unterschied zwischen den zwei Arten der Komparatistik. Und jetzt zum Eigentlichen, um eurem Gegenüber dann doch nach scheinbarer Klarheit, wieder den Kopf zu verdrehen ( nicht weil Komparatistik schön, sondern schlau macht ;) ) :

Die Vergleichende Literaturwissenschaft vergleicht nicht einfach wild in der Welt- und Literaturgeschichte herum, es gibt Regeln und Methoden! Obwohl die Wissenschaft im Vergleich zu anderen noch sehr jung ist, hat sie ihre eigenen Vorgehensweisen, Themengebiete und Terminologien, die sich schon von beispielsweise denen der Germanistik unterscheiden. Wenn ihr euch für das Studium entscheidet, bekommt ihr mit Sicherheit neben der allgegenwärtigen Fragestellung „Was ist Literatur“ auch Definitionen der Komparatistik in Form von Expertentexten zu lesen, müsst meist in einer Klausur sogar nachweisen, welche Gebiete und Arbeitsschritte typisch für die Komparatistik sind. Wer nach dem 1. Semester feststellt: Das ist nicht mein Fall, der weiß dann, wovon er spricht.

Genug um den heißen Brei herum geredet, meine Definition des Wissenschaftlichen Arbeitsgebietes „Komparatistik“:

Zentraler komparatistischer Begriff ist der der Grenzüberschreitung. Grenzen sind hier
  • Epochengrenzen
  • Sprachgrenzen
  • Landesgrenzen
  • Mediale Grenzen
  • Kulturelle Grenzen
Der Vergleich ist das Werkzeug zur Grenzüberschreitung. Durch Vergleiche auf den jeweils verschiedenen Gebieten wird die Weltliteratur untersucht. Ziel ist es, herauszufinden, inwiefern sich Texte auf den jeweiligen Grenzebenen eventuell beeinflussen oder angeregt haben können und inwieweit man sie somit als verwandte Texte bezeichnen kann. Hier gibt es zwei verschiedene „Verwandschaftsarten“: einmal die „genetische Beziehung“, das heißt ein Text hat einen anderen Text nachweislich beeinflußt, sodass etwa Stoff, Motiv oder Thema übernommen wurden. Zum anderen kann es aber auch sein, dass zwei Texte ein gleiches Thema, Motiv verwenden oder einen ähnlichen Stoff aufweisen, zum Beispiel könnte der Text genau wie der Ausgangstext einen jugendlichen Helden aufweisen. Dies wäre dann eine typologische Analogie. Die deutsche Komparatistik beschränkt sich hauptsächlich auf den Schwerpunkt romanistischer Literatur, es ist aber während des Studiums nicht unwahrscheinlich auch auf russische oder polnische, sowie lateinamerikanische Texte zu treffen. Ich bin leider noch nichts Exotischem wie etwa japanischer, chinesischer oder indischer Literatur begegnet, aber wer weiß. Ich nehme an, dass die Auswahl der Literatur auch von Uni zu Uni und Prof zu Prof verschieden ist.
Arbeitsgebiete, die uns unser Prof eingebläut hat sind die Folgenden:
  • Einfluß, Rezeption, Intertextualität ( entspricht dem oben beschriebenen)
  • Literarische Übersetzung in Theorie und Praxis ( Sprachgrenzüberschreitung)
  • Imagologie ( Wie sehen die Franzosen die Deutschen, wie schreiben Amerikaner über Deutsche etc; allgemein die Beachtung der nationalen blickwinkel als Landes- und Kulturgrenzüberschreitung)
  • Epochen und Strömungen ( Epochengrenzen)
  • Gattungen und Formen
  • Stoffe, Motive, Themen ( siehe oben; ein Stoff ist eine in der Weltliteratur verankerte Geschichte, beispielsweise Odysseus)
  • Literatur und andere Künste
Der letzte Punkt bringt mich dann noch dazu, einen wie ich finde sehr interessanten Aspekt der Komparatistik zu erwähnen: Das Überschreiten der Grenzen der „reinen“ Literaturwissenschaft. Ich habe zum Beispiel gerade ein Seminar mit dem Thema „Roadmovies – Zur Poetik des Unterwegsseins“, in dem vornehmlich Filme behandelt werden, und das unter komparatistischen Aspekten. Ein gutes Beispiel ist auch meine Vorlesung "Marcel Proust und die Medien", in der es um die filmische Umsetzung seiner Werke geht. Wie gesagt, also ein sehr breites Untersuchungsspektrum, wodurch das Fach sehr bereichert wird.

Wenn ihr euch jetzt denkt, gut, aber was brauch ich dafür.....
Ich persönlich bin durch mein Interesse an Literatur, und eigentlich eher Deutsch am Gymnasium, an die Komparatistik geraten. Im Gegensatz zur Germanistik fand ich es doch um einiges spannender und versprach ( verspreche mir weiterhin) mir davon einen besseren Überblick über verschiedenste Literaturen, und daher vielleicht sogar das Wesen der Literatur an sich. Erleuchtung wäre übertrieben, aber mit etwas Arbeitsaufwand und viel viel Lesen....... ;). Ihr solltet als Komparatisten Interesse an Literatur haben (klar), aber auch an Sprachen. Ihr kommt mit dem Gebiet Übersetzung in Berührung und daher fordern eigentlich alle Universitäten entweder Nachweise der Lektürefähigkeit in zwei modernen Fremdsprachen oder sehr gute Englischkentnisse und eine weitere moderne Fremdsprache. Ich muss in Bonn zusätzlich sogar noch ein Latinum aufweisen (gilt für viele Fächer der Philosophischen Fakultät), eine Besonderheit hier, aber möglicherweise auch an anderen Unis ähnlich.
Das Latinum kann man selbstverständlich auch an der Uni noch machen. Die Lektürefähigkeit wird meist in einer Übersetzungsklausur nachgewiesen. Ihr werdet viele Texte auch in Originalsprache lesen und etwa metrische Vergleiche in einer Sprache anstellen müssen, die ihr nicht wirklich beherrscht. Es ist empfehlenswert, in den Nebenfächern (wenigstens eine) andere Sprachen ( Anglistik, Romanistik, Slavistik, diverse Philologien) zu studieren.

Wie viele andere Studiengänge auch, wird der Studiengang an einem Großteil der deutschen Universitäten auf Bachelor umgestellt. Laut Informationen der Uni Bonn heißt er dann plötzlich Germanistik, Literatur- und Kulturwissenschaften. Inwieweit der Bachelorstudiengang sich vom vorherigen Magisterstudiengang unterscheiden wird, wissen die Universitäten, die umstellen, selbst noch nicht. Tut mir leid für euch, wenn ihr mitten in dieses Umstellungschaos reinrutscht. Ich bin generell der Meinung, dass ich Glück habe, noch auf Magister studieren zu können. Die folgenden Informationen zu Studienverlauf und Länge sind deswegen auch für ein Magisterstudium, für Infos zum Bachelor erkundigt euch am besten direkt bei den jeweiligen Hochschulen.
Da die deutschen Unis auch nicht synchron auf Bachelor umstellen, ist es besonders unübersichtlich. Meist geben die Unis jedoch einen Termin an, bis zu dem eine Einschreibung für den Magister noch möglich ist. Ein Beispiel zur Aktualität :
an der Uni Bonn ist schon ab Wintersemester 2006/07 keine Einschreibung mehr möglich, das ist nächstes Semester!!

Der Magister fordert von euch eine Regelstudienzeit von 9 Semestern, nach 4 Semestern steht die Zwischenprüfung an. Es wird empfohlen auch ein Auslandssemester einzuschieben, insbesondere auch wegen der in der Komparatistik so geförderten Sprachvielfalt.

Bewerbung

Für den Studiengang Komparatistik müsst ihr euch direkt bei der jeweiligen Uni bewerben. Bei den meisten Unis gibt es dafür ein Online-Verfahren in der Bewerbungszeit. Informationen zu den Bewerbungen und zu den Zulassungsvoraussetzungen stehen auf den Homepages der Unis.

Und zum Schluss, was tun mit dem Abschluss?

Entweder ihr seid hellauf hin und weg und setzt einen Dr. phil. drauf oder ihr könnt an einer Hochschule den Professoren/Lehrplatz einnehmen, als Wissenschaftliche Mitarbeiter in den Lehrstühlen arbeiten, in Forschungseinrichtungen unabhängig von der Uni arbeiten, in Verlagen, Bibliotheken, im Auswärtigen Amt und natürlich bei der Presse ( auch Funk und Fernsehen).
Mein Ziel ist beispielsweise ein journalistischer Beruf. Wie eure Chancen bei alldem aussehen? Tja, da steht der wunderbare Begriff "brotlose Kunst" gegen geballtes Fachwissen und euer Engagement und eure Persönlichkeit.
Ich bin optimistisch, sonst würde ich sicher verzweifelt in überfüllten BWLer Hörsälen sitzen.

Isabel Bredenbröker

Isabel Bredenbröker studiert Komparatistik an der Universität Bonn.

Die neuesten Foreneinträge


Die neuesten Studienplatztausch Anzeigen




Die [uni-pur.de]-Umfrage

Ist es schwer, einen Studentenjob zu bekommen?



Die neuesten Studentenjobs

Copyright 2005-2017 [uni-pur.de]

Datenschutz